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Die Gründung der
Theatergemeinde Augsburg war bedingt durch die Theatersituation der
Nachkriegsjahre und dem jugendlichen Tatendrang einiger Kriegsheimkehrer.
Neues Leben aus
Ruinen
In der Augsburger
Bombennacht des 24. Februar 1944 wurde das erst 1938 bis 1939 umgebaute und
renovierte Stadttheater bis auf die Außenmauern vollständig zerstört. Ende 1944
wurden auf Anordnung von Goebbels sämtliche deutsche Theater geschlossen, die
Künstler, Musiker und Bühnenarbeiter zu den Waffen oder in Rüstungsbetriebe
eingezogen.
Aus diesem
materiellen und geistigen Ruinenfeld entstand nach dem Krieg durch die
Eigeninitiative von zwei Theaterfreunden ein neues Theaterleben. Max Hahn
beschreibt in seinem Büchlein „Von Musen und Menschen in Augsburg“ die 1945 entstandene
Situation:
„Theo Paul Münch,
Schauspieler und Spielleiter der Städtischen Bühnen, versammelte die Reste des
ehemaligen Ensembles um sich. Neue, nach Augsburg verschlagene Kollegen kamen
dazu. Nur die Besessenheit von echten Komödianten konnte es wagen, buchstäblich
aus dem Nichts heraus zur Gründung eines Theaters in eigener Regie zu
schreiten. Zuerst wurde in der Theaterruine probiert. Dann fand man – ein
Glücksfall ohnegleichen – den unzerstörten Theatersaal des „Blauen Krügle“.
Jetzt kehrten auf eine ganz wundersame Weise die Zeiten der so oft belächelten
„Schmiere“ zurück. Faust hat genagelt, Mephisto geleimt, das Gretchen genäht
und Marthe Schwerdlein schwang Besen und Putzeimer. Nahezu alles musste selbst
gemacht werden. Und es wurde gemacht. Daneben wurde – oft bis Mitternacht und
länger – schon beinahe zur Erholung probiert. Sogar die Plakate wurden, wie zu
„Emanuel Strieses seligen Zeiten“, selbst angefertigt und geklebt.
Am 10. Oktober
eröffnete die „Komödie“ ihre Pforten. Es war das erste Privattheater, das in
Bayern wieder zu spielen begann.“
Im Kurhaustheater in
Göggingen trafen sich Operettenleute. Sie schufen unter den gleichen Strapazen
wie die Schauspieler das Augsburger Operntheater der Nachkriegszeit.
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Lizenz der Amerikaner
für Guido Nora zum
Aufführen musikalischer
Veranstaltungen. |
Für die Oper erhielt
Guido Nora von der amerikanischen Besatzungsmacht die Lizenz und Professor
Arthur Pichler die Genehmigung zur Gründung eines Orchesters. Am 15. Dezember
1945 konnte mit Nicolais „Lustigen Weibern“ im Ludwigsbau begonnen werden. „Die
lustigen Weiber“ kamen zu den Ehren der Eröffnungsaufführung, weil das
Notenmaterial dieses Stücks in der Theaterruine unversehrt gefunden wurde.
Wie das Schauspiel
so liefen auch die Oper und die Operette in eigener Regie der Künstler und
trugen sich aus den Einnahmen. Die Augsburger waren begeistert und füllten die
Vorstellungen mit Theaterkarten, die mit reichlich vorhandenen Reichsmark
gekauft wurden.
Dies änderte sich
über Nacht mit der Währungsreform. Die neue DM war knapp und konnte nun auch
für Lebensmittel und Gebrauchsgüter verwendet werden. Die Schwäbische
Landeszeitung schreibt am 5. Oktober 1949:
„Die Einschreibungen
für die Platzmieten sind mit weniger als 600 allerdings erheblich hinter den
Erwartungen und dem Vorkriegsstand zurückgeblieben. Das ist eine erneute
Bestätigung für die Tatsache, dass das wohlhabende Bürgertum mit geistiger
Tradition entweder nicht mehr vorhanden ist oder jene Tradition vergessen hat.“
Zur Theatergemeinde
Sie hatte zwei
Vorläufer. Nach dem Krieg sammelten sich die Kriegsheimkehrer, die während des Nationalsozialismus
in den verbotenen katholischen Jugendverbänden ihr Gruppenleben mit geistigen
Widerstand weiterführten, in der „Katholischen Jungen Mannschaft“. In der neu
gewonnenen Freiheit wollten die jungen Männer und die dazugehörigen Frauen als
„Keimzelle in Kirche und Volk“ den Aufbau der neuen Gesellschaft und des
Staates mitgestalten. Für die verschiedensten Bereiche gab es Arbeitskreise.
U.a. auch einen für „kulturelle Aufgaben“. Dieser Kreis, dem auch Alfons Link
und Karl Fürst angehörten, versuchte auf den Gebieten Literatur, Musik, Tanz
und Theater der Kriegsheimkehrergeneration einen Zugang zu schaffen. – Auch mit
Guido Nora wurde Kontakt aufgenommen, um die in der Reichsmarkzeit heiß
begehrten Theaterkarten als monatlichen Block für die Gemeinschaft der KJM zu
erhalten. Daraus entwickelte sich ein geschlossener Theaterring mit 700
Mitgliedern unter der Vorstandschaft von Karl Fürst, Eduard Peter und Paul
Schwenk.
Als dann nach der
Währungsunion der drastische Besucherschwund beim Theater einbrach, machte
Guido Nora auf die 1919 gegründete und 1934 von den Nationalsozialisten
zwangsweise aufgelöste Besucherorganisation „Bühnenvolksbund“, von dem die
Jungen bisher nichts wussten, aufmerksam. Es ist interessant, dass diese
Theater-Besucherorganisation ebenfalls in einer Nachkriegssituation im
Zusammenwirken von Menschen aus beiden christlichen Konfessionen zur „Förderung
der dramatischen und musikalischen Bühnenkunst und der dramatischen Dichtung im
Sinne deutschen Volkstums und christlicher Lebensauffassung“ entstand. Bei
Nachforschungen wurden die Sekretärin, Klothilde Wilfer, und das
Vorstandsmitglied, Stadtrat Josef Maria Miller des ehemaligen Bühnenvolksbundes
der Sektion Augsburg gefunden. Es folgten Besprechungen mit den Vorständen
Jakob Baumann und Rudolf Reißner der inzwischen florierenden, auch aus dem
Kreis der Katholischen Jungen Mannschaft gegründeten Theatergemeinde München.
Nach weiteren Bemühungen konnten für die Gründung einer Theatergemeinde eine
Reihe von Persönlichkeiten aus dem Augsburger Kulturleben wie Prof. Muesmann,
Arthur Pichler, Direktor des Konservatoriums, der vorsitzende der
Mozartgesellschaft, Dr. Ernst Fritz Schmid, Doris Lieb, Stadtrat Vasters, Frau
Rektorin Scheidecker, Prof. Leo Fischer, Maria Hall, Direktor Anton Böhm von
der Kreissparkasse, Monsignore Dr. Ulrich Müller, Kirchenmusikdirektor Karl
Wünsch u.a., sowie Vertreter der verschiedenen katholischen und evangelischen
Vereine und Gruppen gewonnen werden. Auch Max Hohenester, Journalist und in den
zwanziger Jahren Theaterkritiker der „Augsburger Zeitung“, war von Anfang an
dabei.
Bei der offiziellen
Gründungsversammlung der Theatergemeinde als eingetragener, gemeinnütziger
Verein am 8. September 1949 im Sitzungssaal der Stadtmetzg wurde die
vorbereitete Satzung bestätigt und der Vorstand gewählt: Max Hohenester zum
Vorsitzenden, Karl Fürst als Stellvertreter und als Beisitzer Klothilde Wilfer,
Willi Vasters, Karl Wunsch. Als Pate des Unternehmens stellte Prälat Dr.
Hörmann eine Spende von 100 DM zur Verfügung, mit denen die Druckkosten der
ersten Werbezettel bezahlt werden konnten. Zu den Förderern gehörte auch
Oberbürgermeister Dr. Klaus Müller. Er wurde später das erste Mitglied des
Ehrenpräsidiums.
Für alle an der
Gründung Beteiligten war die Theatergemeinde eine Aufgabe christlich sozialer
Verantwortung, für die jeder sich begeistert einsetzte. Voll Neugierde wurde
dann die Reaktion der Bevölkerung auf die im Kolpingsaal gestartete Werbung
erwartet. Zur Überraschung aller kamen 3.700 Anmeldezettel zurück. Ein
Riesenerfolg im Vergleich zu dem bereits erwähnten Rückgang der Platzmiete.
Organisatorisch war
man auf die hohe Teilnehmerzahl in keiner Weise vorbereitet. Es galt nun, aus
dem Stand ein Büro und eine Arbeitskraft zu finden und ein Verteilersystem für die
Zustellung der monatlichen Theaterkarten aufzubauen.
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| Die erste Geschäftsstelle der Theatergemeinde in der Kriegsruine in der Frauentorstr. |
Hedwig Geiß und Karl
Fürst waren die ersten hauptamtlichen Mitarbeiter. Sie begannen in einem Zimmer
der notdürftig reparierten Kriegsruine Frauentorstraße 5, bis sich ein Büro in
der Peutingerstraße 10, idyllisch am Fronhof gelegen, fand. 1961 erfolgte der
Umzug in die Stadtmitte in das neue Bürohaus Karolinenstr. 21 (und im September
2007 der Umzug an den Rathausplatz, Philippine-Welser-Str. 14).
Durch ein
ausgeklügeltes Gruppensystem konnte trotz des verpflichtenden Abonnements viele
individuellen Wünschen der Teilnehmer entsprochen werden. Es gab Gruppen für
feste und wechselnde Wochentage, für Oper, Schauspiel und Operette; nur für
Oper und Schauspiel; oder vorwiegend für moderne Schauspiele; für Konzerte;
Jugendgruppen und später auch Sonntag-Nachmittagsgruppen.
Die Preise waren,
der sozialen Aufgabe entsprechend, darauf ausgerichtet, dass sich jeder
Augsburger einen Theaterbesuch leisten konnte. Im Ludwigsbau kosteten die
Preisgruppen IV bis I ,-50; -,90; 1,50; 1,90 DM; Die Teilnehmerzahlen waren
Jahr für Jahr steigend. In der Spielzeit 1957/58 wurde mit dem Überschreiten
der Traummarke von 10.000 Teilnehmern ein einmaliger Höhepunkt erreicht.
Theatergemeinde in
der Öffentlichkeit
Die Theatergemeinde
wurde von Anfang an in der Öffentlichkeit beachtet und durch ihre Aktivitäten
als kulturelle Institution anerkannt.
Dazu einige
Bemerkungen: Nachdem die inzwischen von der Stadt als „Städtische Bühnen“
übernommenen Privattheater nach der Währungsreform zu einem Zuschussbetrieb
wurden, fanden im Stadtrat immer wieder Anträge und lebhafte Debatten über die
Zurückgabe des Theaters in Privathände statt. Mit knapper Mehrheit wurde ein
Antrag auf Verpachtung des Ludwigsbaus und des Theaterfundus zum 31.1.1950
verhindert. In der Sitzung des Kultursenats am 28.12.1949 stimmten die
Fraktionen der CSU und KPD für die Aufrechterhaltung des Theaters in
städtischer Regie. Stadtrat Philipp Häring, Verwaltungsdirektor des
Caritasverbandes, erklärte damals, dass er diesem Beschluß, trotz der noch
immer bestehenden Wohnungsnot und vieler noch nicht beseitigter Kriegsnarben,
nur zustimmen könne, nachdem die neugegründeten Besucherorganisationen
„Theatergemeinde“ und „Theaterring der Werktätigen“ (später „Volksbühne“) durch
ihre erfolgreiche Werbung und ihre niedrigen Preise das Theater allen
Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht haben. Die endgültige Fortführung der
Städtischen Bühnen wurde dann Anfang Januar 1950 im Stadtratsplenum mit großer
Mehrheit beschlossen. (nach Berichten der „Schwäbischen Landeszeitung“)
Als sich der
Stadtrat zum Wiederaufbau der Stadttheaterruine durchgerungen hatte, war auch
die Theatergemeinde mit ihren inzwischen 5.700 Teilnehmern dabei, die erste
Spendenaktion zu unterstützen und den Verein der „Freundes des Stadttheaters“
zur Durchführung von Theatertombolen mitzugründen.
Einen schmerzvollen
Einschnitt in die lebhafte Entwicklung der Theatergemeinde verursachte der
Bayerische Rechnungsprüfungshof im Jahre 1977. Durch die Forderung der
Streichung vieler Vergünstigungen hoffte er, dem Theater einen Dienst zu
erweisen. Trotz langer, ernsthafter Verhandlungen mit dem Kulturreferat und der
Theaterleitung wurden wir durch einen neuen Vertrag beschnitten. Ein Großteil
unserer Teilnehmer – es waren genau 1.432 – reagierte auf die Beschränkung mit
dem Austritt aus der Theatergemeinde. Das Theater verlor sie als regelmäßige
Theaterbesucher.
Immer wieder wurde
der Bestand des Theaters durch drastische Sparmaßnahmen der Stadträte
erschüttert. So auch im Herbst 1981. Der Stadtrat glaubte seinen Haushalt unter
anderem nur durch die vorübergehende Schließung der „Komödie“ stabilisieren zu
können. Damit wäre aber in Kürze das gesamte Schauspielensemble zur Disposition
gestanden. Der Vorstand der Theatergemeinde verfasste einen sachlich fundierten
Protestbrief an den Oberbürgermeister und sandte Abdrucke an alle Stadträte
(29.1.1982).
Alle
Schauspielfreunde ahnten Schlimmes und taten ihren Unmut in einer von der „Augsburger Allgemeinen“ am 5. Februar 1982 groß
angelegten Umfrage kund. Die Theatergemeinde rief ihre Teilnehmer durch ein
selbst hergestelltes Flugblatt mit der Schlagzeile „Das Augsburger Schauspiel
ist in Gefahr“ zur Teilnahme an der Abstimmung der AZ auf.
Fr. Dr. Thea
Lethmair schreibt über diese Aktion: „Es erhebt sich ein so flammender
Proteststurm, dass kein Stadtrat mehr wagt, diesem öffentlichen Votum zu
widerstehen. Die Komödie ist gerettet.“ – Wir sind heute noch stolz, zu dieser
Rettung beigetragen zu haben.
Als sich der
damalige Kulturreferent Dr. Kotter bemühte, den theaterlosen August 1981 für
die Augsburger und die in der Stadt weilenden Gäste durch eine mit
ABM-Maßnahmen geförderte Aufführung von Goldonis heiterem Schauspiel „Die
übermütigen Frauen“ im Kleinen Goldenen Saal zu beleben, war die
Theatergemeinde auch mit dabei. Sie unterstützte die vierzehn Vorstellungen
durch einen Sonderaufruf ihrer Teilnehmer. Das Sommertheater wurde zu einem
vollen Erfolg.
Bund der
Theatergemeinden
Die Augsburger
Theatergemeinde war nicht nur innerhalb der Stadtgrenze von Augsburg tätig.
Sehr bald entwickelte Karl Fürst die Idee zu Sammlung der nach dem Krieg in
verschiedenen Städten entstandenen Theatergemeinden. Die ersten Briefe für den
Zusammenschluß gingen von der Theatergemeinde Augsburg aus und luden zu einem
Treffen am 17./18. Februar 1951 nach Frankfurt ein. Es waren elf
Theatergemeinden von Augsburg bis Düsseldorf vertreten. Der um Ausgleich
bemühten Verhandlungsführung unseres damaligen Vorsitzenden Max Hohenester war
es zu verdanken, dass die unterschiedlichen Standpunkte auf einen gemeinsamen
Nenner gebracht wurden. Sie führten schließlich im November 1951 zur Gründung
des „Bundes der Theatergemeinden“. Max Hohenester wurde zum ersten
Bundesvorsitzenden gewählt und die Bundesgeschäftsstelle der Theatergemeinde
Augsburg angegliedert. Karl Fürst wurde zum ersten Bundesgeschäftsführer
bestellt, Alfons Link erhielt die Aufgabe eines dramaturgischen Mitarbeiters.
In einer Notiz des Informationsblattes von 1953 heißt es „... inzwischen haben
wir insgesamt 559 Zeitungsnotizen und 78 Eigenbesprechungen von A. Link
gesammelt, die bereits über 269 Theaterstücke Auskunft geben.“ Als Alfons Link
seine praktische ärztliche Ausbildung in München begann, übernahm Dr. Max Högel
seine Augabe. Max Hohenester, ein Journalist mit Leib und Seele, griff als
Vorsitzender schon sehr bald die Gründung einer eigenen „Theaterzeitung auf
Bundesebene“ auf. Augsburg plante und verhandelte mit dem Chefredakteur der
Zeitung „Michael“ in Düsseldorf, Georg Thurmair, und mit Prof. Krings, München.
In Westdeutschland arbeitete Dr. Heinz Stephan, Vorsitzender der
Theatergemeinde Köln, im Verlag der „Kölner Rundschau“ ein Zeitungsprojekt aus.
– 1954 wurde die Bundesgeschäftsstelle nach Bonn verlegt, um „näher an den
Fleischtöpfen“ zu sitzen, wie es damals hieß. Die Theaterzeitung wurde
gleichzeitig in Bonn gegründet.
1955 fand die vierte
Bundesversammlung in Augsburg mit einem Festakt im Kleinen Goldenen Saal statt.
– Dreißig Jahre später, 1985, tage der Bund wieder in Augsburg mit den
Theatergesprächen „Das Wort im Theater“. Professor Frühwald hielt den
Eröffnungsvortrag über „Die Kultur des Wortes und der Literatur in Augsburg“.
Die Theatergemeinde
und ihre kulturellen Aufgaben
Trotz aller
Unternehmungen in der Stadt und auf Bundesebene war und ist der Theatergemeinde
die Betreuung ihrer Teilnehmer oberstes Gebot. Die Teilnehmer sollten nicht nur
Theaterkonsumenten werden, sondern kritische und im Urteil in Theaterfragen
selbständige Theaterbesucher. Diesem hohen Ziel dienten vom ersten
Gruppenaufruf an Stückeinführungen, die Alfons Link in den ersten Jahren für
das monatliche Mitteilungsblatt schrieb.
Der Kunstbereit, dem
Alfons Link seit der Gründung angehörte, begann 1950 mit Diskussionen über
Stücke und Insezenierungen der jeweils laufenden Spielzeit. 1973 griff der
damalige Vorsitzende Anton Kranzfelder die Diskussionsabende der
Theatergemeinde erneut auf, nun unter dem Titel „Gesprächsrunden: Publikum und Theater“.
Sie sind bis heute zu einer festen Einrichtung geworden. Wenn auch die
verschiedenen Meinungen nicht immer zu einmütigem Konsens gebracht werden
konnten, so waren es jedes Mal höchst interessante Abende. Unter der souveränen
Leitung von Dr. Georg Gruno konnten die Theaterleute, Dramaturgen, Regisseure
und Schauspieler ihre Ideen und Beweggründe den anwesenden Besuchern darlegen
und andererseits erfuhren diese die Meinungen dazu aus dem Publikum.
Darüber hinaus
bietet die Theatergemeinde mit ihren Theaterfahrten zu den Staatstheatern und
Kammerspielen in München, nach Bayreuth, Verona, Heidenheim, Bregenz, Ulm
Stuttgart, Dresden, Berlin, Wien u.a. ihren Teilnehmern Gelegenheit,
außergewöhnliche Aufführungen oder Sängerbesetzungen zu erleben. Die
Theaterfahrten waren nie Selbstzweck, sondern sollten die Augsburger
Theatererlebnisse ergänzen und erweitern.
Für die
Konzertfreunde boten wir Konzertfahrten zu den ersten „Schwäbischen
Sommerkonzerten“ in Irsee, Kaufbeuren und im Fuggerschloß Kirchheim, sowie zu
den Konzerten in der Basilika in Ottobeuren. Die Kartenvermittlung für diese
Konzerte ist auch heute noch eine Serviceleistung der Theatergemeinde.
Marionettentheater
Mit der Augsburger
Puppenkiste wurde bereits mit der ersten Sondervorstellung an Weihnachten 1949
eine gute Zusammenarbeit gefunden. Auch hier war Alfons Link der sachkundige
Vermittler. Seit 1954 bieten wir unsren Teilnehmern jährlich eine Vorstellung
in der „Augsburger Puppenkiste“ im Jahresprogramm.
Jugend und
Theatergemeinde
Die Gewinnung und
Heranführung der Jugend zum Theater war seit der Gründung der Theatergemeinde
für alle Vorstände eine wichtige Sache. Bereits 1949 wurde mit Unterstützung
der Direktorate der höheren Schulen und sonstiger Jugendgruppen ein Jugendring
aufgebaut, der in die Abendvorstellungen der Theatergemeinde integriert wurde.
Durch den guten
Kontakt zur Universität Augsburg über unser Vorstandsmitglied Dr. Klaus
Vogelgsang bieten wir dort ein eigenes Semesterabo mit Begeleitveranstaltungen
an.
Eigenveranstaltungen
Das in der Satzung
festgelegte Vereinsziel will in allen Schichten der Bevölkerung primär das
Verständnis für Kulturtheater, aber auch für alle anderen Kunstbereiche wecken.
Diesem Auftrag dienen insbesondere die Eigenveranstaltungen.
Seit 1951 wurden
Autorenlesungen durchgeführt. In der Reihe „Augsburger literarische Abende“
wurden oft noch unbekannte junge Autoren, die dann später mit den höchsten
literarischen Preisen ausgezeichnet wurden, aber auch Autoren, die schon Rang
und Namen hatten, vorgestellt. Professor Frühwald schrieb in einer Würdigung
aus Anlaß unseres dreißigjährigen Jubiläums: „Die Reihe der Autoren, die seit
1951 auf Einladung der Theatergemeinde Augsburg zu Gast waren, legt einen
Querschnitt durch die gesamte deutsche Gegenwartsliteratur; wer an diesen
Lesungen teilgenommen hat, kann von sich sagen, er habe Literatur erlebt.“
Auch der
Konzertbereich wurde in den letzten Jahren intensiv gepflegt. Dank der
langjährigen Unterstützung durch die Kreissparkasse können die Philharmonischen
Matineen der Theatergemeinde im Kleinen Goldenen Saal bereits ihr 25jähriges
Jubiläum feiern. Mit dem von der Theatergemeinde veranstalteten jährlichen
Festival der Open-Air Konzerte im Fronhof wurde 1999 eine feste Größe im
Augsburger Kultursommer geschaffen. Beide Veranstaltungsreihen stehen seit
ihrer Gründung unter der künstlerischen Leitung von Wilhelm F. Walz, der es mit
großem Engagement versteht, das Publikum für die Konzerte zu begeistern.
Besonders erwähnt
und bedacht müssen die Gründungsmitglieder und alle die vielen Mitglieder, die
im Vorstand und Kunstbeirat der Theatergemeinde ehrenamtlich tätig waren und
sind. Sie haben das geistige Arbeitsprogramm der Theatergemeinde entwickelt und
auf den Weg gebracht.
Es gäbe noch viel im
Detail zu berichten und zu erzählen. Diese Rückschau konnte nur in kurzen
Umrissen den Anfang und Aufbau nachzeichnen, sowie die vielfältigen Bemühungen
andeuten, die unternommen wurden, um dem Gesamt-Titel „Theatergemeinde – Verein
zur Förderung von Theater, Musik, Literatur und bildende Kunst“ gerecht zu
werden.
Artikel von Dr.
Hanspeter Plocher, Vorsitzender des Kunstbeirats, zum 50 jährigen Jubiläum der
Theatergemeinde
AUSSER UNS UND DOCH
DABEI
Das Theater zwischen
Gestern und Morgen
Die Frage ist nicht
neu, die Antwort ist nicht leicht: Was will, was soll, was darf Theater? „Die Integration der Grausamkeit ins
Stadttheater wird zur Hausaufgabe der kommenden Saison. Blut, Schmutz und
Sperma sind wieder todschick“. Mit solchen Horror-Ausblicken auf die neue
Spielzeit füllte die renommierte FAZ das Sommerloch und verdarb all jenen
gründlich den Appetit, die mit Theater etwas so Altmodisches wie Freude oder
Vorfreude verbinden. Die Stücke heißen „Gestank“ (van Marius Mayenburg, in
Hamburg und Berlin), „Tötet die Alten, foltert die Jungen“ (von David Harrower,
in Köln) oder „Einmal satt, einmal tot, einmal gesellig“ (von Robert Woelfl, in
Konstanz); hier dürfen die Protagonisten ihre Köpfe stundenlang in einen
Hundekadaver stecken. Die Herren Castorf und Schlingensief, liebvertraute
Stückezertrümmerer der neunziger Jahre, wirken neben den Schockästheten des
Jahrtausendbeginns so furchterregend wie das Krokodil im Kasperltheater. Wie
der Teufel das Weihwasser fürchten die jungen Wilden die Nähe zur primitiven
Spaß-Kultur der Glotze und provozieren den einen Ekel mit dem anderen.
Also zurück zu
Altvertrautem, Bewährtem, Bekanntem? Theater als kulturbeflissener
Bildungsvollzug, als feierabendliches Erholungsprogramm, als etwas „Schönes“
mit schönen Bildern, schönen Kostümen, schöner Musik? Irrtum sagen die anderen.
Die Welt ist nicht schön, und Aufgabe des Theaters ist es nie gewesen, die
Menschen darüber hinwegzutäuschen und zu belügen. Aber ist Theater nicht auch
Illusion, Freiraum für Phantasien, Träume und Wünsche, die wir uns im
wirklichen Leben nie erfüllen können?
Drei Dinge sind es,
die das Theater bei allem Meinungsstreit zwischen den puren Zerstörern und den
puren Genießern auch im neuen Jahrtausend unverzichtbar machen. Zum einen ist
Theater ein Stück lebendiger, leiblicher Kultur, das sich jeden Abend aufs Neue
ereignet, gemacht von Menschen für Menschen, nie und nimmer ersetzbar durch
Film, Fernsehen und hochaufgelöste Digitaltechniken, mögen sie uns in Zukunft
noch so vehement überschwemmen. Im Theater sind wir dabei, und manchmal wäre es
auch wünschenswert, wir würden die Chance dieses Dabeiseins mehr nützen und dem
Geschehen auf der Bühne nicht so stumm und teilnahmslos folgen wie Zierfische
im Aquarium. Im alten Frankreich zum Beispiel war es durchaus üblich, sein
Gefallen oder Missfallen an theatralischen Darbietungen so impulsiv zum
Ausdruck zu bringen, dass deswegen die Vorstellung unterbrochen werden musste.
Zweitens: Theater
ist eine geistige Herausforderung. Es lehrt uns, zu denken und aus den Gedanken
Schlüsse zu ziehen, die unser alltägliches Leben betreffen, unsere Zukunft,
aber auch unsere Vergangenheit. Theater hilft uns, das Leben besser zu
verstehen, und wenn deswegen Geschichten erzählt werden müssen, die mit Mord
und Totschlag, Blut und Sperma zu tun haben, dann ist dies nicht die Schuld des
Theaters. Schlag’ nach bei Shakespeare, oder – warum nicht – in Augsburg auch
bei Brecht!
Und schließlich berührt
das Theater unsere Seele. Es berührt sie mit solcher Macht, dass wir darüber
den Verstand verlieren können, dass uns das Herz bis zum Halse klopft, dass wir
berauscht, verzückt, verzweifelt auch noch am nächsten Morgen, am nächsten Tag
außer uns sind. Ein – zugegeben – seltenes Ereignis, diese Ekstase, wie die
alten Griechen dazu sagten, mit denen alles anfing.
„Ich glaube an die
Unsterblichkeit des Theaters“, schrieb der große Max Reinhardt vor fast einem
Jahrhundert, „es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre
Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht
haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen.“
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